Ophelias anderes Schicksal

Wenn die selbst ernannte Englischlehrerin Taylor Swift das Eröffnungslied ihres, der Befeuerung des Charterfolgs wegen mittlerweile in unzähligen Versionen erschienenen Albums The Life of a Showgirl ‚The Fate of Ophelia‘ nennt, dann referiert sie eine Figur aus Shakespeares weltberühmten Theaterstück Hamlet.


Fangruppen mögen beim gefilmten first listening in Begeisterungsstürme ausbrechen, und sie mögen dann auch den „Hit“ so häufig wie möglich streamen, um die Abrufzahlen weiter nach oben zu pushen – es ändert nichts daran, dass Ophelias Schicksal hier mit den Füßen getreten wird.

Ophelia, das ist die tragischste Nebenfigur, noch tragischer als der Protagonist Hamlet, mit dem sie eine toxische Verbindung eingeht. Direkt nach seinem Monolog (Sein oder Nichtsein – das ist hier die Frage!) unterhalten sie sich wirr und zerstörerisch.

„Ich liebte dich einst“ erwidert Ophelia mit „Du machtest es mich glauben.“ „Ich liebte dich nicht“ kann dann nur noch mit einem tief-tragischen: „Um so mehr wurde ich betrogen“ beantwortet werden.

Natürlich ist sie wie immer bei Shakespeare eine aus Männersicht geschriebene Frauenfigur, was man schon an vergleichsweise wenigen Sprechauftritten sieht, aber ihre Tragik und ihre Menschlichkeit schneiden tief bei „der Frauen Elendste“, wie sie sich selber nennt: „Weh mir, weh mir, daß ich sah, was ich sah, und sehe, was ich sehe.“ In die Tragik nicht nur unglücklicher Liebe, sondern Täuschung, Verrat und Familienfehde verwickelt und als Frau Spielball der Mächte suizidiert sich Ophelia im Wasser (oder verunfallt?), sodass die Totenwächter noch diskutieren, ob ihr nicht ein „unehrenhaftes Begräbnis“ gebührt hätte.

Taylor Swift wendet dieses Schicksal der Ophelia, das ihr wohl selbst, so impliziert sie es, als Single irgendwann ereilt wäre (was wiederum impliziert, dass Ophelias Hauptproblem ihr Singlesein gewesen wäre), dadurch, dass sie ihren Retter, ihren ‚Sportlehrer‘ Travis Kelce kennenlernt. Es ist die highschool-Liebe zwischen Buchliebhaberin Taylor und Sportskanone Travis, zusammen explosives t’n’t, oder, wie im Lied So Highschool ausgedrückt: Er wusste, wie man ballt, sie kannte Aristoteles.

Taylor Swift hat anscheinend für The Fate of Ophelia lange das Gemälde von John Everett Millais studiert, das im Tate Britain hängt und das ich selbst schon einmal bewundern durfte. Auch hier sollte man natürlich nicht den male gaze des Künstlers übersehen, der sein Modell in einer Badewanne liegen ließ, nur um sie realistisch zu zeichnen – dabei aber das Nachheizen des Badewassers vergaß, wodurch sich das Modell erkältete und ihr Vater mit der Arztrechnung drohte.

Ophelia war auch andernorts Motiv, auch John William Waterhouse griff es im gleichen englischen präraffaelitischen Stil auf. Hintergrund ist, das der Händler und Zuckerindustrielle Henry Tate, Begründer der Galerie, Zeitgenosse war. Und das Gemälde hängt dann natürlich auch – im tate London. Dort hängt auch Waterhouses‘ The Lady of Shalott, das Ähnlichkeiten zum Ophelia-Motiv aufweist, hier wie da eine tragisch-verzweifelte, psychisch kranke und von der Realität dissoziierte Frauenfigur auf letztem, melacholisch-suizidalen Weg im und ins Wasser.

Die Annotations auf der Song-Erklärwebsite Genius.com machten mich darauf aufmerksam, dass Taylor Swift wohl auch auf dieses Gemälde anspielt, da sie sich selbst im „Tower“ verlassen wähnte, wie the Lady of shalot (oder, wie sie in der Artussage als unglücklich Verliebte heißt: Elisabeth von Astolat) bis sie vom Helden Lanzelot bzw. Travis Kelce hörte. Dieses Bild hängt natürlich……..auch im Tate London! Das gleiche Motiv unterschiedlicher Frauen wird also über den Umweg Kunst modern neu-interpretiert. Persifliert. Pervertiert.

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À propos Lanzelot und seine lange Turnierlanze, in die sich Elisabeth verliebte: Genius Notations sind communitygemacht und dementsprechend nicht immer ganz treffend: Im vorhin erwähnten Lied So highschool versucht jemand nach im-Unterricht-beim-Thema-sprachliche-Bilder-nicht-aufgepasst-Manier folgende Zeilen Taylor Swifts zu interpretieren. Wenn das das Niveau der Englischschüler_innen der Englischlehrerin Taylor Swift ist – dann weiß ich auch nicht…

Your Friends are around, so be quiet
im tryin to stifle my sighs.

Deine Freunde sind da, sei leise
ich versuche mein Stöhnen zu unterdrücken

Die schülerhafte Interpretation dieser Zeilen lautet: „Um im Thema der Teenager-Liebe zu bleiben, ist es für junge Paare nicht unüblich ihre Beziehung geheim zu halten aus ganz verschiedenen Gründen“

(Genau, wahrscheinlich meinte Taylor das mit „Leise-Sein“…)


„Sie unterdrückt ihr Stöhnen bedeutet demnach, da sie immer so erleichtert ist, wenn sie Travis sieht und deswegen stöhnen möchte…“

(genau, wahrscheinlich meinte sie diese Art von ‚erleichterten‘ Stöhnen…)

Höhepunkt der sonst hilfreichen genius-Falschinterpretationen sind dann die beim Song Wood, wo doch tatsächlich ein Genius annotator im wahrsten und unwahrsten Sinne des Wortes, behauptet, dass das Holz, auf dem Taylor hier figuratively klopft, nicht auch irgendwie zugleich eine Metapher für den Phallus des Football-Adonis ist:

Nein,

The comparison of „Wood“ to a „penis“ is more of an innuendo, and its use doesn’t directly refer to it.

Der Vergleich zwischen „Holz“ und „Penis“ ist eher eine versteckte Anspielung, der Gebrauch des Wortes verweist nie direkt darauf.

Mmh…naja. Nur ein Innuendo? Eine zarte Anspielung? Wie heißt es im Lied noch einmal?

Vergib mir, wenn es cocky klingt,
er dickmatisierte mich und öffnete mir dadurch die Augen
Mammutbaumstamm, nicht zu übersehen
Seine Liebe war der Schlüssel, der meine Hüften öffnete…

….ja. sehr subtil…

Eine andere Annotation hingegen ist sehr hilfreich, und wenn das stimmt, dann leben wir in einer verrückten Welt: Vielleicht reagiert Swift mit der poetischen Mammutstammanalogie auf einen Tweet, der sich eigentlich über Taylor Swifts Art, Texte zu schreiben, lustig macht.

2021 schreibt user_in ‚bigduaenergy‘ mit einem angewidert-leidendem, passenden Meme-Gif dazu:

„swifties when ariana sings about sex and doesn’t write it like ‚he stuck his long wood into my redwood forest and let his sap ferment my roots.“

Wir wären also zu einem Moment angekommen, in dem Memes auf Twitter über Songwriting ihren Weg zurück ins Songwriting finden…mit anderen Worten: in einer verrückten Welt.

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Doch zurück zu Ophelia: Auch das Albumcover von The Life of a Showgirl ließe sich im Englischunterricht verschiedentlich und bedeutsam interpretieren. Auch hierfür liegt Swift in einer Badewanne, ganz Ophelia bzw. Millais showgirl, das Ophelia in einer Badewanne darstellt, gleich. Im Musikvideo von Ophelia findet sich aber in der Bildsprache eine Anspielung auf ein weiteres Ophelia-Gemälde von einem deutschen Künstler, das ich noch nicht erwähnt habe.: Ophelia von Friedrich Heyser. Das hängt nicht im tate Britain. Sondern in… Wiesbaden.

Britta Kadolsky berichtet davon und von regelrechten Anstürmen, die dieses Gemälde aufgrund des Lieds erhalten habe in einem Blog post: https://brittakadolsky.com/warum-belebt-ophelia-kunst-und-popkultur/

Mittlerweile haben aber auch gefühlt alle deutschsprachigen Medien darüber berichtet. Und konsequenterweise hat auch matilda auf youtube ein Video über den Anti-Feminismus dieser ganzen neuen Inszenierung gemacht (da war mein Blogtext aber schon fertig!!!):

Es ist schade, dass auf kapitalistischste Weise die Art, Streaming zu benutzen, ausgenutzt wird bei gleichzeitiger Vorspielung tiefgründiger Gedanken. Es macht mich auch musikalisch traurig, mit welchen billigen Mitteln gearbeitet wird, während es doch in den USA selbst bei den kapitalistischsten Künstler_innen ohne Rückgrat wie Drake oder, was-weiß-ich-wer, Justin Bieber? Katy Perry? immer noch halbwegs-gute Produktionen gibt. Die Krönung ist dann eine auf Viralität schielende TikTok-Tanz-Choreographie.

Vielleicht ist es auch die Vorspielung falscher Tatsachen – nämlich die Neuinterpretation einer dramatischen Figur Ophelia, die mich daran so stört. Diese Vorspielung falscher Tatsachen grenzt nämlich an Irreführung.

Deswegen möchte ich zum Abschluss ein Gegenbeispiel geben: Die deutsch (und französisch)-sprachige Künstlerin und Rapperin Baby Joy hat schon 2022 einen Song namens Ophelia herausgebracht. In diesem Song thematisiert sie als Schwarze Ophelia Rassismus und Sexismus und Empowerment. Umgegeben von (sekt-)Flaschen legt sich das lyrische Ich (ja, ich kann auch Englisch bzw. Deutschunterricht) nicht in einen Fluss, sondern einen Pool. Umgeben ist es von Flaschen: und weißen Menschen, deren Rassismus sie zur Außenseiterin macht. Die Choreografie hat dabei nicht die TikTokisierung als Ziel, sondern stellt selbst eine Anspielung auf Opheliadarstellungen dar.

Die genius-annotations von Taylor Swift haben meherere Millionen Views. Die von Baby Joy: eine. Dadurch, dass der Song zweisprachig ist, fehlen sogar die französischen Parts. Mit anderen Worten: Wie schade.